Das jiddische Volkslied.

Jiddische Volkslieder zeigen sich als einzigartige Ausprägung einer Kultur, die über Jahrhunderte ein nicht unbedeutender Teil des europäischen Lebens war und die vor mehr als sechzig Jahren ein gewaltsames Ende fand. Dennoch erlebt jüdische Musik, insbesondere Klesmermusik in ihren verschiedensten Ausformungen, in Europa seit ca. dreißig Jahren einen neuen Aufschwung. Die Emotionalität dieser Musik ist „modern“ geworden, die Fragen nach Ursprung und Bedeutung der Lieder bleiben häufig ungestellt, die historischen, sozialen und kulturellen Hintergründe werden oft nicht berücksichtigt.

Definition.

Das jiddische Volkslied ist immer im Kontext der ihn umgebenden Gesellschaft, der aschkenasischen, d.h. deutsch-jüdischen Kultur der Juden (Ost-)Europas zu sehen (Aschkenas ist das hebräische Wort für Deutschland). Seine Melodien sind vielfältig beeinflusst: Manche Lieder gehen zurück auf mittelalterliche deutsche Weisen. Slawische wie rumänische Musik und der orientalisch gefärbte Synagogalgesang hatten großen Einfluss und prägten das typische Kolorit des jiddischen Volksliedes. Der Begriff selbst ist im deutschen Sprachraum erst ab ca. 1880 existent: Mit damaligem Beginn der Volksliedforschung in Osteuropa - nahezu zeitgleich mit dem vermehrten Aufkommen jiddisch schreibender Schriftsteller, bot sich den jüdischen Einwohnern die Möglichkeit sich mittels Musik und Sprache als Volk selbst zu definieren, sich eine Identität abseits der Religion zu schaffen.

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Zur Geschichte.

Eine enge Verknüpfung der jiddischen Volkslieder zeigt sich im Geschichts- und Traditionsbewusstsein des jüdischen Volkes. Das Leben in der Diaspora und im galut (Exil) bedeutete für die Juden eine Existenz als Volk ohne Land. Das Fehlen eines Territoriums mit Außengrenzen und einer einheitlichen Sprache musste auf andere Weise kompensiert werden. Der Ausgleich dafür ergab sich aus der Gewissheit einer gemeinsam weit zurückreichenden Geschichte, gemeinsamer Riten und Gebote, die aus der gemeinsamen Religion resultieren.

Im Zuge der Judenverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts gelangte westaschkenasische Musik (Musik der Juden Westeuropas) nach Osteuropa (Polen, Russland bis ans Schwarze Meer). Hier begann die Blüte des Volksliedes in Jiddisch. Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des charakteristischen jüdischen Kolorits hatte die mystische Bewegung des osteuropäischen Chassidismus (von hebr. chassid = fromm). Die von dem Mystiker Israel Ben Elieser (ca. 1700-1760) gegründete Glaubensrichtung stand im Gegensatz zur talmudisch geschulten Gelehrsamkeit des rabbinischen Establishments für eine volksnähere Religiosität. In der Emotion, ausgedrückt durch Musik und Tanz (aber auch Alkohol) bis zur Ekstase fühlten sich die Anhänger des Chassidismus Gott näher als durch den Intellekt.

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Thematiken.

Ähnlich unserer christlich-abendländischen Volkslied-Tradition sind auch die Inhalte der jiddischen Lieder gelagert, jedoch mit einem wesentlichen, heute oft vernachlässigten Unterschied: Religion und Alltag waren im traditionsgebundenen Judentum Osteuropas eng miteinander verwoben. Dies fand in den Volksliedern, gerade auch den weltlichen Liedern Niederschlag. So ist z.B. in Wiegen- und Kinderliedern bisweilen mehr von Tora und Talmud als von Tieren, Pflanzen, Jagd oder Kampf die Rede.

Ebenso finden wir – durch das gemeinschaftliche Leben im Schtetl oder im Ghetto – zahlreiche Lieder mit sozialkritischen Inhalten (wie z.B. Armut) sowohl in humoristischen Liedern, Liedern in der Familie bis zur Autorenfolklore.

In einschlägigen Sammlungen findet man ähnliche Einteilungen:
Liebeslieder, Wiegenlieder, Kinderlieder, Lieder in der Familie (evtl. zu gemeinsamen häuslichen Arbeiten der Frauen), Lieder zu Hochzeiten und religiösen Festen, chassidische Lieder (nigunim),religiöse Lieder, humoristische Lieder, Parodien chassidischer Lieder, Armut, Arbeit, Unterdrückung und Ausbeutung, Soldatenlieder, Widerstands- und Partisanenlieder, Ghettolieder, Theaterlieder, Nationale (zionistische) Lieder, Autorenfolklore (Die berühmtesten Vertreter sind: Mark Warschawsky 1848-1907, Itzik Manger 1901-1969 und Mordechai Gebirtig 1877-1942.)

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Jiddisch - die mameloschn

Der jiddische Begriff mameloschn heißt „Muttersprache“ und ist ein prägnantes Beispiel für mischsprachliche Ausdrücke der jiddischen Sprache: jidd. mame = Mutter und jidd. loschn von hebr. laschon = Sprache. Die Verwandtschaft zur deutschen Sprache wird hier deutlich aber auch gleichzeitig der Unterschied dazu: Mit Deutsch als Muttersprache verstehen wir ein bisschen, aber eben nicht alles und nicht wirklich.

Jiddisch – in früherer Zeit eine der Handels- und Verkehrssprachen in Europa – entwickelte sich gerade in Osteuropa zu einer eigenständigen, komplett ausgebildeten Sprache. Sie ist kein deutscher Dialekt.

Der Wortschatz des Jiddischen besteht zu ca 70% aus deutschen Elementen, ungefähr zu je 15% aus hebräisch/aramäischen und slawischen Ausdrücken und zu einem sehr geringen Anteil aus romanischen Elementen. Phonetisch und strukturell wurzelt Jiddisch im Deutschen, ist aber inzwischen sehr stark vom Slawischen geformt. Geschrieben wird Jiddisch immer mit den Schriftzeichen des hebräischen Alphabets von rechts nach links.

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Zur Musik.

»Ich glaube zu verstehen wodurch sich das jüdische Melos unterscheidet. Die lustige Melodie ist hier auf traurigen Intonationen aufgebart. Das Volk ist wie ein Mensch - warum singt es ein fröhliches Lied? Weil das Herz traurig ist.« (Dimitri Schostakowitsch, 1906-1975)

Jiddische Lieder wirken für uns oft „fremd, exotisch, orientalisch„. Der Wiedererkennungswert dieser Melodien ist mehrfach begründbar. Durch die spezifische Tonalität, Form und Rhythmik, Stil und Aufführungspraxis.

Tonalität.

Der Großteil der Lieder ist in Molltonarten (Im Vergleich überwiegen Dur-Anteile auch in Tschechien und der Slowakei, im deutschen Volksgesang bilden Lieder in Moll die Ausnahme). Lieder, die Moll und Dur abwechseln ähneln russischen Melodien. Das Lied tumbalalajka ist ein typisches Beispiel dafür. Ebenfalls als harmonikalische Basis der jüdischen Tradition fungieren Modi, jidd. schtejger (Art, Weise, Beispiel), also Tonreihen (nicht in unserem Sinn von Tonleiter zu verstehen), die auf die Modi der Tora-Lesungen und der Gebetsweisen im Synagogengesang zurückgehen. Gebetsanfänge bestimmter Psalmen, in denen sie markant aufscheinen wurden zur Namensgebung für diese schtejger herangezogen. Jeder schtejger umfasst neben der Tonreihe (jidd. gustn) mit den prägnanten übermäßigen Tonschritten eine Reihe von charakteristischen musikalischen Motiven und – ähnlich der antiken griechischen Ethoslehre – eine dem jeweiligen schtejger assoziierte Gefühlsstimmung, ein „Ethos“.

Als Beispiel eines der häufigsten Modi:
ahava-raba / frejgisch: Ethos der demütigen Bitte; Anfang eines schabat-Gebets: „Mit Liebesfülle hast du uns geliebt, Gott unser Gott, hast ein großes, ein übergroßes Erbarmen mit uns geübt...“. Das Lied schpil-she mir a lidele in jidisch ist ein einrucksvolles Exempel für diesen Modus.

Form.

Rhythmisch gesehen sind zwei deutlich voneinander unterscheidbare Formen erkennbar:

  • Eine freie Form, ohne Taktstriche, meist als Sprechgesang und/oder in Melodien mit synagogalen Weisen: Hier ist anzunehmen, dass ein Einzelsänger – ein chassidischer rebe (Rabbi), ein badchen (Spaßmacher, Alleinunterhalter bei Hochzeiten), ein lez (Gaukler) oder broder-Sänger (Kaffeehaus-Sänger aus der rumänischen Stadt Brody) - diese Lieder oder Liedteile vorgetragen haben.
  • Lieder mit striktem Rhythmus: die gebräuchlichsten Takte sind 2/4, 3/4, 4/4, 3/8 und 6/8. Zeitwerte und rhythmische Gliederung sind häufig einfach, Taktwechsel kommen mehrmals vor. Formal oft diversen Tänzen der klesmorim (der Musikanten) entlehnt.

Es existieren durchaus auch oft Mischformen.
Sonderform: Chassidischer nign (jidd. Pl. nigunim von hebr. nigun = Melodie, melodischer Akzent): Wortlose Melodie (oft improvisatorisch), auch auf Silben (dai-dai-dai, bam-bam-bam etc.) zur religiösen Erbauung und zur Annäherung an die schechine (von hebr. schechina = Einwohnung Gottes, göttliche Präsenz) – oft bis zur Ekstase gesungen. Der chassidische Gesang war, und ist in den orthodoxen Gemeinschaften nach wie vor, ausschließlich den Männern vorbehalten.

Stil, Aufführungspraxis.

Der dynamische Aspekt von forte und piano ist im jiddischen Volksgesang nicht im Vordergrund. Die eher im gleich bleibenden mezzoforte gesungenen Lieder erhalten ihre Ausdruckskraft durch Rubato (Musik nicht in strengem Zeitmaß), Agogik (individuelle Gestaltung des Tempos), Portamento (Hinüberschleifen von einem Ton zum anderen) und kleine Verzierungen wie Pralltriller (Wechsel zwischen Hauptnote und nächsthöherer Note). Der Vortrag eines Liedes wurde auch mit Verzierungen bereichert, die in ihren Affekten an Lachen, Weinen, Schluchzen, Seufzen etc. erinnern sollen. knejtschn (=schluchzen, heißt wörtlich „Falten, Nuancen“ = Umbruch, deutlich hörbarer Registerwechsel), krechzn (= stöhnen, weinen) oder kwetschn (= klagen, jammern) sind Bezeichnungen der klesmorim für diese Affekte.

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cantastorie, 2006 - 2009